Warum Mut kein Privileg ist und wir alle etwas davon in uns haben

Im Januar hatte eine Facebook-Freundin ein Foto geteilt: Es zeigte eine Schulaufgabe im Ethikunterricht einer 4. Klasse in Sachsen-Anhalt. Die Aufgabe lautete: „Welche Wörter gehören zum Jungen und welche zum Mädchen? Kreise die Begriffe der Mädchen rot ein und die der Jungen blau!“ Da standen Wörter wie: Lego spielen, blau, laut, oft kurze Haare, Fußball spielen sowie Puppen spielen, ängstlich, rosa, Seil springen, Schminke, Zöpfe, hilfsbereit…
Die Schülerin hatte das Wort „mutig“ rot umrandet und damit ein „f“ und Punktabzug von der Lehrerin erhalten.

Natürlich kann ich mich jetzt fragen wie sinnvoll es ist, solche Geschlechterstereotype in einer Schularbeit zu bewerten, statt sie gemeinsam mit den Kindern zu analysieren und auf ihren „Wahrheitsgehalt“ zu überprüfen.

Wenn man sich in der Geschichte umsieht, findet man jedenfalls immer wieder mutige Frauen und Mädchen.

Um nur einige zu nennen:

  • Jeanne d`Arc (französische Nationalheldin),
  • Jeanne Labrosse (fuhr 1798 als erste Frau selbständig einen Ballon und sprang ein Jahr später als erste Frau der Welt einen Fallschirmsprung),
  • Kathrine Switzer (brachte 1967 als erste Frau den Boston Marathon ins Ziel, zu dem Frauen zu dieser Zeit noch nicht zugelassen waren),
  • Sophie Scholl,
  • Florence Nightingale (britische Krankenschwester, Begründerin und Reformiererin der modernen Krankenpflege),
  • Helen Keller (als erster taubblinder Mensch machte sie l904 ihren Bachelor of Arts),
  • Berta Benz (unternahm ohne Wissen ihres Mannes 1888 gemeinsam mit ihren Söhnen die erste größere Tour -106 km – mit einem Auto und rette damit die noch junge Firma Benz vor dem Ruin),
  • Marie Curie (erhielt als erste Frau die Nobelpreise in Physik und Chemie),
  • Rosa Parks (eine Afroamerikanerin, die sich 1955 weigerte, ihren Sitzplatz im Bus für einen weißen Fahrgast zu räumen);
  • Malala aus Pakistan (forderte Schulbildung für alle Mädchen und wurde daraufhin von den Taliban schwer verletzt – https://www.youtube.com/watch?v=Qv9D0ZpCHu8) und
  • Severn Suzuki – die 1992 als 12-jährige zur ersten Konferenz der Vereinten Nationen über Umwelt und Entwicklung in Rio de Janeiro eine beeindruckende Rede hielt: https://www.youtube.com/watch?v=Sj00vO48MTk .

Im Oktober 2016 liefen im Norden Israels jüdische, christlische und palästinensische Frauen zwei Wochen lang gemeinsam für den Frieden (mehr dazu hier https://diak.org/2017/01/03/women-wage-peace-der-friedensmarsch-einer-bewegung/).
Das sind nur einige willkürlich herausgegriffenen Beispiele die aufzeigen, dass Mut natürlich nicht geschlechtsspezifisch ist. Marguerite Yourcenar, die 1980 als erste Frau in die Académie française gewählt wurde sagte dazu einmal: „Sobald ein Mensch liest oder nachdenkt oder rechnet, gehört er der Gattung an und nicht dem Geschlecht.“

Soweit dieser kleine Exkurs – doch was bedeutet Mut eigentlich?

Im Wörterbuch finde ich folgende Erklärung: „Mut ist die Haltung, dass man auf Gefahren zugeht und etwas tut, obwohl man Angst hat.“
Etwas kürzer ist die treffende Definition von Mischa Miltenberger: „Mut ist Angst plus ein Schritt.“
Und damit ist das Wesentliche für mich schon gesagt: Mut bedeutet nicht furchtlos zu sein, sondern trotz Angst das zu tun, was sich für mich richtig anfühlt. Mut ist also etwas tun, verändern, sich auf den Weg machen. Das kann mitunter ein ganz kleiner erster Minischritt sein.
Jede(r) von uns hat ganz eigene prägenden Erfahrungen und steht an einer anderen Stelle im Leben. Was von außen vielleicht nicht so aussieht, kann für die Betroffenen mit sehr viel Mut verbunden sein.
Manchmal kann es bedeuten:

  • mir einzugestehen, dass ich mich geirrt habe oder nach einem Streit dem anderen die Hand zu reichen, obwohl ich Angst vor Zurückweisung habe
  • mich für jemanden einzusetzen, der gemobbt wird
  • mich anderen gegenüber zu öffnen, obwohl ich enttäuscht wurde
  • mir Hilfe zu holen und anzunehmen
  • einer „niederschmetternden“ Diagnose ins Auge zu sehen und trotzdem Schritte nach vorne zu machen
  • eine Beziehung zu beenden, die mir nicht gut tut
  • Verhältnisse zu verlassen, die mich klein halten
  • zu meiner Meinung zu stehen
  • meine Meinung zu ändern, wenn sie für mich nicht mehr stimmig ist
  • andere Menschen anzusprechen oder die Wohnung zu verlassen trotz Sozialphobie
  • einen Vortrag zu halten
  • nach einer Krise wieder aufzustehen
  • mich so zu zeigen wie ich bin
  • Fehler zu wagen und offen zu ihnen zu stehen
  • ehrlich zu mir und anderen zu sein
  • mich nicht von Rückschlägen abschrecken zu lassen
  • mich meinem Schmerz zu stellen…

Jeder von uns hat mutige Anteile in sich, sonst hätten wir als Kinder nie laufen gelernt. Je mehr wir Bestärkung in uns selbst, aber auch im Außen erhalten, umso größer kann unser Mut werden.

Ich möchte Dir dazu auch eine ganz persönliche Mutgeschichte erzählen.
Es war in der 9. Klasse im Sportunterricht: Das Springen über den Doppelbock machte mir Spaß und ich freute mich immer wieder auf diese Übung. Diesmal war es jedoch anders: Unser Lehrer stellte eine Schülerin zur Unterstützung und Absicherung an die Seite des Sportgerätes, weil er bei anderen aushelfen wollte. Und da geschah es: Ich hatte zu viel Schwung, das Mädchen konnte mich nicht halten und ich krachte mit voller Wucht auf eine angrenzende Bank. Wie in Zeitlupe sah ich die Haut an meinem Oberschenkel platzen und dann das Blut laufen. Ich musste genäht werden und hatte von da an Angst vor dem Doppelbock. Im Unterricht lief ich immer nur zaghaft darauf zu und sprang nicht mehr.
Bis mich eines Tages mein Sportlehrer fragte, ob ich nicht länger bleiben könnte: Zusammen mit einer Freundin, die er zu diesem Zweck um Hilfe gebeten hatte, wollte er mich dabei unterstützen die Angst vor dem Bock zu überwinden. Alles in mir sträubte sich: Was ist, wenn ich erneut stürze? Die Angst war sehr groß. Da standen sie nun beide, meine Freundin an der einen Seite des Doppelbocks, mein Lehrer an der anderen: Und trotz meiner Panik lief ich los und sprang, sicher unterstützt von beiden. Hurra – ich hatte es geschafft!
Von da an sprang ich auch im Unterricht wieder: Ich hatte es geschafft meine Angst zu überwinden.

„Mut ist nicht immer ein lautes Gebrüll. Manchmal ist es auch eine leise Stimme am Ende des Tages, die sagt: Morgen versuche ich es noch einmal.“
Mary Anne Radmacher

Was bedeutet Mut für Dich?

Foto: sasint von Pixabay

6 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Vielen Dank liebe Sabine,
    ein wunderbarer Artikel , sehr schön geschrieben und super recherchiert.
    Ich wünsche einem jeden von uns den Mut immer wieder trotz Widerstand, seine/n Weg zu gehen.
    Lieben Gruß
    Elke

    • Danke liebe Elke, für Deine bestärkende Rückmeldung.
      Wir alle haben Mutanteile in uns.
      Und wenn es einmal nicht so klappt, ist es besonders wichtig, liebevoll mit uns umzugehen und es dann noch einmal zu versuchen.
      Ganz liebe Grüße,
      Sabine

  2. Liebe Sabine, Danke für diesen tollen Beitrag. Ein Thema, was für alle wichtig ist, und das bringst Du super rüber. Vor allem auch mit Deinem persönlichen Beitrag, der mich an mich in der ca. 6. Klasse erinnert. Als ich von einem kleinen Trampolin abspringen und über den Bock springen sollte. Nun, ich nahm zu viel Anlauf hatte dadurch zu viel Schwung und flog in hohem Bogen darüber um auf dem Holzfußboden zu landen. Ich hatte zwar glücklicherweise nichts Schlimmes, sah aber aus wie ein Preisboxer, blutig, geschwollen…Es hat sehr lange Zeit gebraucht bis ich das nochmal machte, mit meinem Lieblingslehrer, mit dem ich noch heute befreundet bin.
    Dir liebe Sabine und Deinen Lesern einen wunderschönen Sonntag.
    Herzlichst,
    Erika 🌹💞

    • Liebe Erika,
      Danke für das Mitteilen Deiner persönlichen Geschichte.
      Ich bin immer wieder überrascht, wieviel Gemeinsamkeiten wir haben.
      Es ist schön, dass auch Du Dich dann wieder getraut hast.
      Jeder von uns hat so kleine und große Mutgeschichten und ich freue mich immer, wenn ich davon höre oder lese.
      Ganz liebe Grüße zu Dir,
      Sabine

  3. Ja liebe Sabine, da war ich auch schon oft erstaunt darüber, über die vielen Gemeinsamkeiten💞 hatte wohl der Test mehr als Recht gehabt mit dem Ergebnis wer mein Seelenzwilling ist. 🌞💞🌹 Herzlichst,
    Erika 🌹

    • Liebe Erika,
      es ist sicher kein Zufall, dass wir uns gefunden haben.
      Ich bin sehr dankbar für Deine Freundschaft.
      Herzliche Grüße,
      Sabine

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