Ein Pferd als Retter in der Not – Manfreds Weg aus der Krise

In diesem Interview verrät uns Manfred Weindl wie ein Pferd ihm dabei geholfen hat neuen Lebensmut zu schöpfen und zu seiner Berufung zu finden.
Als junger Mann wollte Manfred unbedingt Polizist werden – dies war sein Traumberuf.
Das blieb auch viele Jahre so, bis ein Ereignis ihn aus der Bahn warf. Manfred wurde schwer depressiv und sah in seinem Leben keinen Sinn mehr.
Wie er es dennoch geschafft hat aus diesem tiefen Tal herauszufinden beschreibt er im folgenden Interview.

Manfred, Du hast durch eine schwere Lebenskrise Deine besondere Begabung beim Umgang mit Pferden entdeckt und bist heute als „Pferdeflüsterer von Salzweg“ bekannt. Was hast Du vorher beruflich getan und was löste Deine Lebenskrise aus?

Ich war 25 Jahre „königlich bayrischer“ Polizeibeamter. Im November 1996 kam es zu einer Auseinandersetzung mit einem Straftäter, in dessen Verlauf er mir eine Rippe und ich ihm zur Beendigung dieser Widerstandshandlung mit einem Faustschlag die Nase brach. Es kam dann im Verlaufe der nächsten Jahre zu sehr langwierigen und für mich unglaublich belastenden Verfahren vor Gericht, wo letztendlich dem Straftäter 1000 DM Schmerzensgeld zugesprochen wurden, weil mein Faustschlag nach Ansicht des Richters „eine“ Sekunde zu spät kam.
Diese Ungerechtigkeiten führten dazu, dass mein Rechtsempfinden in seinen Grundfesten erschüttert war und ich aufgrund der erlittenen Demütigungen in eine schwere Depression rutschte. Natürlich ging das absolut nicht und deshalb war ich auch nicht bereit mich mit dieser Erkrankung auseinanderzusetzen.
„Ein bayrischer Polizeibeamter ist nicht psychisch krank, er ist entweder gesund oder geistesgestört.“
Von meinem polizeilichen Umfeld wurde auch nichts getan, um mich von diesem Gedanken abzubringen, im Gegenteil. Manchmal hatte ich das Gefühl an einer ansteckenden Erkrankung zu leiden.

Wie erging es Dir im tiefen Tal der Depression?

Zuerst noch weit entfernt spürte ich doch, dass da irgendwas im Verborgenen lauerte. Die Depression, der „Krebs der Seele“!
Es vergingen ein paar Monate bis ich merkte, dass sie mir mittlerweile als Schatten folgte.
Nur fiel es mir schwer, sie zu bekämpfen, da ich die Ursache nicht sofort erkennen konnte bzw. wollte. Irgendwann stieg sie dann in mir auf wie „schwarze Tunke“ und sie bemächtigte sich solch wichtiger Bereiche wie Selbstwertgefühl, Selbstachtung, Lebensfreude usw.; kurz gesagt, sie versuchte mein Leben in den Griff zu bekommen und es zu vernichten!
Ich empfand nichts mehr. Es gab keine Nervosität und keine Freude mehr, alles war wie weggewischt. Das Gedankenkarussell begann sich zu drehen und ich versuchte zu ergründen, warum es so ist, warum es so kommen musste. Eine Gedankenflut von gigantischem Ausmaß bevölkerte meinen Kopf, ließ mich nicht zur Ruhe kommen, ließ mich nicht schlafen und verhinderte die Konzentration auf Angenehmes oder Wichtiges.
Ganz normale Sachen begannen zur Qual zu werden und jeder Tag war aufs Neue ein Kampf mit dem „Nebel des Grauens“, der von vorneherein verloren schien. Alltägliche Verrichtungen wie morgens aufstehen, Körperpflege, Nahrungsaufnahme usw. erforderten einen enormen Kraftaufwand und raubten mir den Rest der noch verbliebenen Energie. Energie, die ich so dringend gebraucht hätte, um mit den Dämonen in meinem Inneren fertig zu werden. Jede Kleinigkeit wurde zum unüberwindbaren Hindernis. Selbst die Wahl zwischen Schnitzel und Schweinebraten auf einer Speisekarte wurde zur Mammutaufgabe.
Ich versuchte einen Weg aus diesem Dilemma zu finden. Und er war alsbald gefunden: Alkohol!
Alkohol half meine Sorgen zu vergessen, alles durch einen Schleier wahrzunehmen, wieder schlafen zu können, Probleme wurden zu Problemchen.
Doch nur vorübergehend, denn irgendwann konnte ich, wenn ich um zwei Uhr nachts mit 15 Halbe Bier intus zu Bett ging, auch nicht mehr schlafen.
Tja und somit hatte ich aus einem großen Problem zwei große Probleme gemacht.
Jetzt musste ich um 09.00 Uhr früh schon schauen, dass ich meinen Alkoholbedarf decken konnte, um einigermaßen gut über den Tag zu kommen.
Hinzu kam, dass mein Körper Mitleid mit mir hatte und mit vielen Erkrankungen, die alle operiert werden mussten reagierte, wodurch ich dauerkrank geschrieben war und somit ungestört meiner Alkoholsucht nachgehen konnte.
Es kam wie es kommen musste, ich war auf dem besten Weg mir mein Leben vollkommen zu zerstören.
Auch familiäre Probleme, verursacht durch meine ständige Gereiztheit, meine Lebensunlust, meine mangelnden Motivation für irgendetwas und meine Alkoholsucht, machten mir zusätzlich das Leben schwer.
Als letzten Ausweg zog ich den Suizid in Betracht. Ich wurde häufig von diesem Gedanken heimgesucht und plante diesen auch bis ins Detail. Der Suizid schien mir die einzige Möglichkeit, dieses Dilemma definitiv zu beenden. Außerdem hatte ich mit der Planung desselben wieder eine Aufgabe.
Da ich aber in meinem Leben noch nie ein Feigling war, hinderte mich letztendlich dieser Umstand daran, meinen Plan in die Tat umzusetzen: Meine größte Sorge war nämlich, dass meine Söhne mich genau dafür halten würden. Der Gedanke „Unser Papa ist so ein Feigling, sich einfach so aus dem Staub zu machen“ ließ mich nicht los und verhinderte schlimmeres.

Wer oder was hat Dir aus Deiner Lebenskrise herausgeholfen?

Meine Familie, mein Umfeld, mein Klinikaufenthalt, meine Therapeutin und meine „Girly“.
In der Hochphase der Erkrankung kaufte ich mir mein erstes eigenes Pferd.
Das dumme an dieser Idee war nur, dass ich noch nie vorher etwas mit diesen Tieren zu tun hatte. Kurz gesagt, ich hatte keinerlei Ahnung von diesen edlen Geschöpfen. Warum es unbedingt ein Pferd sein musste, kann ich bis heute nicht schlüssig erklären.
Vielleicht einfach deshalb, weil ich ein bisschen verrückt bin.
Aber ich hatte wieder eine Aufgabe. So kam es, dass ich begann, mich sehr intensiv mit den Pferden auseinanderzusetzen und innerhalb kurzer Zeit wusste ich mehr von Pferden und ihren Bedürfnissen und wie sie ticken als die meisten Pferdebesitzer.
Mein Leben schien wieder einen Sinn zu bekommen.

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Was hat Dir Mut gemacht, Deinen Weg zu gehen?

Während meiner damals noch privaten Arbeit mit Pferden lernte ich einen Tierarzt kennen, der heute mein bester Freund ist. Er hatte mich bei der Arbeit mit einem Pferd gesehen und war so überzeugt davon, dass er mir eine Zusammenarbeit anbot. Es sollte jedoch noch ein Jahr vergehen, bis ich, auch durch intensives Zureden meiner Therapeutin, so viel Selbstvertrauen hatte, dass ich mich entschloss, diesen Weg zu gehen.

Welche Talente/Begabungen/Neigungen konntest Du einbringen oder hast Du an Dir entdeckt?

Ich merkte, dass ich ein besonderes Gespür für die Bedürfnisse der Pferde habe und innerhalb weniger Minuten erkennen kann wie das jeweilige Pferd tickt und welche Probleme es mit seinem Menschen hat. Bei der Pferdearbeit kam mir auch zugute, dass ich bei der Polizei gelernt hatte, innerhalb von Sekunden auf sich verändernde Situationen zu reagieren, keine Angst zu haben und adäquat und ruhig zu handeln. Und ich durfte meine Sensibilität einbringen und offen zeigen. Sensibilität, die zu einem mit beiden Beinen im Leben stehenden Polizeibeamten nicht passte. Da war Härte gefragt und keine „Weicheier“.

Welche Hürden musstest Du meistern?

Der Neid der Menschen war die größte Hürde. Nicht mehr als Polizist tätig sein zu können und sich jetzt ein schönes Leben zu machen, das war schon eine Meinung, mit der man lernen muss umzugehen: Keiner will die Erkrankung haben, aber alle „Vorteile“ daraus schon.
Die zweite Hürde war, sich auf dem riesigen Markt der Pferdetrainer zu etablieren und auch noch Geld damit zu verdienen, um den Lebensunterhalt zu sichern. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt immerhin drei Söhne, die entweder noch zur Schule gingen oder studierten, also kein eigenes Einkommen hatten.

Auf Deiner Website steht „G.e.K.o. Verhaltenstherapie für Pferde“. Wofür stehen die Abkürzungen?

G.e. steht für Geduld oder Gelassenheit und K.o. steht für Konsequenz
Das sind für mich wichtige Voraussetzungen, um erfolgreich mit Pferden arbeiten zu können.

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Kannst Du Deine Arbeit mit den Pferden etwas beschreiben? Was hat es mit dem „Flüsterer“ auf sich?

Der Ausdruck Pferdeflüsterer wurde mir von der Presse gegeben. Der erste Artikel, der über mich erschien hieß „Der Pferdeflüsterer von Salzweg“ (Salzweg heißt die Ortschaft, in der ich wohne).
Was hat es mit diesem Ausdruck auf sich?
Selten hat ein Ausdruck die Pferdewelt so entzweit wie dieser.
Die einen halten ihn für einen Guru, Scharlatan, Blender usw., die anderen für den Pferdemenschen schlechthin und vertrauen ihm blindlings. Das führt natürlich dazu, dass auch den zweifelhaften Elementen in der Pferdeszene Tür und Tor geöffnet wird. Diese sind meiner Meinung nach auch daran schuld, dass mittlerweile dem Begriff eher ein negativer Beigeschmack anhängt.
Ich glaube, beides trifft nicht den Kern der Sache.
Pferdeflüstern ist Kommunikation zwischen Mensch und Pferd. Über diese Kommunikation findet auch Erziehung statt.
Das Flüstern ist eine Art des stimmlosen Sprechens.
Ich versuche mit dem Pferd auf möglichst feine Art, mit minimaler Körpersprache zu kommunizieren, so dass man diese Art der Kommunikation durchaus als „Flüstern“ bezeichnen kann.
Bei mir gibt es in der Pferdearbeit kein Schreien, kein Schlagen und so wenig Druck wie irgend möglich. So wie man das von einem Pferdeflüsterer erwartet.

Was hat Dich überrascht auf Deinem Weg? Was hat sich seitdem verändert?

Überrascht hat mich, dass meine Art der Arbeit mit Pferden doch so viel Anklang findet und ich mir innerhalb relativ kurzer Zeit auf diesem Markt einen Namen gemacht habe. Es scheint Bedarf in der gewaltfreien Pferdeerziehung zu bestehen und es scheint auch ein Umdenken stattzufinden.
Die Medien begannen sich um mich zu reißen und ich war innerhalb kurzer Zeit sowohl in der Presse als auch im Fernsehen vertreten. Der Artikel in der „Cavallo“, Deutschlands meistverkaufter Pferdezeitschrift, war der Türöffner in die Welt der bekannten Pferdetrainer. Der BR hat die Sendung „Lebenslinien – der mit den Pferden flüstert“ über mich und mit mir gedreht und für mich erfüllte sich damit ein Traum. Außerdem hat die ARD einen Beitrag über mich gebracht, der BR noch mehrere weitere Beiträge, die „Zeit online“, die „tz“, der „Münchner Merkur“, die „Passauer Neue Presse“, die „Neue Woche“, die „Waldwärts“ und diverse andere Zeitungen haben über mich berichtet. Einige neue Projekte, auch Filmprojekte stehen in den Startlöchern.
Seither ist mein Rat nicht nur in Bayern gefragt, durch ganz Deutschland und Österreich fahre ich, um Pferde bzw. ihre Besitzer zu therapieren. Einsätze im Schwarzwald, Düsseldorf, Kaiserslautern usw., immerhin einfache Fahrtstrecken von nicht unter 500 km, sind keine Seltenheit. Die Leute sprechen mich auf der Straße an und wollen Autogramme haben. Das war zunächst schon gewöhnungsbedürftig für mich, mittlerweile genieße ich es. Die Leute sind nun auch bereit für meine Arbeit Geld auszugeben und auf einen Termin bei mir mehrere Wochen zu warten.

Was rätst Du Menschen in der Lebensmitte, die ihren eigenen Weg gehen möchten?

Laotse hat gesagt „Eine Reise von tausend Meilen beginnt mit dem ersten Schritt“.
Wenn jemand spürt, dass er eine Veränderung braucht, dann hilft es nicht, dann muss er den ersten Schritt tun und es ist wichtig, den Weg zu gehen, den man für sich ausgesucht hat. Nicht den, der uns von jemand anders vorgegeben wird oder den sich jemand anders wünscht. Das ist nicht einfach, aber Glück und Zufriedenheit kann sich nur einstellen, wenn man etwas für sich tut. Auch soll man nicht mit den negativen Erlebnissen, die einem widerfahren, hadern. Das meiste Schlechte hat auch etwas Positives, wir können es nur nicht immer gleich erkennen. Für mich ist das Märchen vom „Teufel mit den drei goldenen Haaren“ richtungsweisend gewesen. Das goldene Haar des Teufels müssen wir suchen, nicht das Haar in der Suppe. Um bei meiner Geschichte zu bleiben, so belastend meine Situation auch war, wäre all das nicht geschehen, würde ich heute nicht das Leben führen, das ich führe und dürfte nicht das tun, was ich tue. Man muss die Gelegenheiten, die sich bieten beim Schopf ergreifen und das Beste draus machen. Jeder ist seines Glückes Schmied.
Konfuzius hat gesagt „Suche dir eine Tätigkeit, die du liebst und du wirst nie mehr arbeiten müssen.“
Mein Leben ist ein einziger großer Traum geworden.

Wenn Du 3 Wünsche frei hättest für Deinen weiteren Lebensweg, welche wären das?

1. Gesundheit
2. Dass sich im Pferdebereich weiter etwas bewegt und noch mehr auf die Bedürfnisse und auf die so verletzliche Seele dieser edlen Tiere Rücksicht genommen und eingegangen wird.
3. Dass ich nicht plötzlich aufwache und feststellen muss, dass alles nur ein Traum war.

Lieber Manfred, Ich danke Dir ganz herzlich für Deine offenen und authentischen Antworten. Du hast gezeigt, dass man auch aus einer schweren Krise heraus seine Berufung finden kann.
Ich wünsche Dir auf Deinem weiteren Weg alles, alles Gute.

Wer mehr von Manfred lesen möchte, kann dies auf seinem Blog tun: http://www.pferdefluesterer-salzweg.de/

4 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Das ist in det Tat eine sehr berührende Lebensgeschichte <3
    Und ich finde es sehr bewundernswert wie Manfred nach diesem Schicksalsschlag sein Leben gemeistert und in so positive Bahnen gelenkt hat.
    Es zeigt, auch wenn ein oder mehrere Erlebnisse noch so schlimm waren, es gibt immer einen Weg hinaus.
    Der Weg muß uns nur finden und wir müssen ihn furchtlos beschreiten und an ihn und uns glauben.
    Danke für dieses Interview liebe Sabine
    und danke für die Offenheit Manfred

    • Liebe Erika,

      herzlichen Dank für Deine Rückmeldung.
      Ich bin Manfred sehr dankbar für seine Offenheit und sein Teilen.
      Er hatte den Mut , auf seine Intuition zu hören und dadurch sein Leben radikal gewandelt.
      Manfred hat in der Krise erkannt, dass es auch eine andere Tür gibt und so seinen Weg und seine Berufung gefunden.
      Mich hat seine Lebensgeschichte auch sehr berührt.
      Herzliche Grüße,
      Sabine

  2. Eine zum Teil sehr traurige Geschichte – aber mit einem großen Happy End!
    Besonders beeindruckt mich, dass Manfred sich noch mitten in seiner Lebenskrise intuitiv dafür entschieden hat, ein Pferd zu kaufen. Ohne bis dahin etwas mit Pferden zu tun gehabt zu haben. Und dass das dann genau das Richtige für ihn war. Die Beschäftigung, das Leben und die Arbeit mit Pferden haben sich als Weg aus der Krise hin zu einem glücklichen und erfüllten Leben erwiesen. Wunderbar.

    • Liebe Gudrun,

      vielen, lieben Dank für Deinen Kommentar.
      Manfred hat uns/mir gezeigt, wie wichtig es ist, auf seine Intuition zu hören.
      So hat er den Weg aus der Krise gefunden.
      Mich hat seine Lebensgeschichte sehr berührt.
      Manfrd macht mit seiner Offenheit und seinem Teilen Mut, nach den eigenen „Schätzen“ zu graben.
      Herzliche Grüße,
      Sabine

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